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Anlagestrategien in der Krise - Wie geht es weiter? Teil 1

Vermögensaufbau war selten so schwer wie heute. Seit zweieinhalb Jahren befinden sich die Aktienmärkte im Abwärtstrend, die Zinsen für sichere Geldanlagen liegen auf Rekordtief, Lebensversicherungsgesellschaften sind bedroht und ein nachhaltiger Aufschwung ist nicht in Sicht. Diese komplizierte Ausgangslage stellt früher erfolgreiche Anlagestrategien in Frage. Im folgenden möchte ich Ihnen dazu einige Denkanstöße geben.

Die 80er und 90er Jahre waren gekennzeichnet von einem stabilen Aufwärtstrend im Aktienmarkt, der 1982 begann (siehe Grafik) und mit dem Unterschreiten der 4000-Dax-Punkte im Juli 2002 - erstmals nach 20 Jahren ! - gebrochen wurde. Ein zweiter, etwas niedrigerer Aufwärtstrend begann 1988 und wurde Anfang September nach unten durchbrochen.


Dax 1979 bis 2002

Normalerweise bin ich kein Anhänger der Chartanalyse, d.h. der Ableitung von Trends aus Grafiken. Wenn aber ein Trend 20 Jahre gehalten hat und dann durchbrochen wird, ist das ein sehr bemerkenswertes Ereignis, das man nicht ignorieren kann.

In den 80er und 90er Jahren wurde die Anlagestrategie des "buy and hold" populär. Am besten hat wohl der inzwischen verstorbene Börsenspekulant André Kostolany diese Strategie beschrieben: "In die Apotheke gehen, Schlaftabletten kaufen, sie einnehmen, eine Palette erstklassiger internationaler Aktien kaufen, den Wecker auf vier Jahre einstellen und dann schlafen."

Wer diesem Rat gefolgt ist und jetzt aufwacht, wird feststellen, dass seine Aktien sich zwar zwischenzeitlich im Wert fast verdoppelt hatten (im Jahr 2000), aber heute im Durchschnitt wieder beim Einstandskurs stehen oder sogar in der Verlustzone gelandet sind.

Wichtiger als der Blick in die Vergangenheit - aber leider auch schwieriger - ist der Blick in die Zukunft. Wird es in den nächsten Jahren wieder einen stabilen Aufwärtstrend am Aktienmarkt geben? Welche Argumente sprechen dafür, welche dagegen? Schauen wir uns die Bedingungen der 80er und 90er Jahre im Vergleich zur heutigen Lage an:

•· Eine wichtige Unterstützung für den Aktienmarkt in den 80er und 90er Jahren bildete der langfristige Rückgang der Zinssätze. Sinkende Zinsen sind grundsätzlich gut für den Aktienmarkt, weil Aktien dadurch im Verhältnis zu Anleihen attraktiver werden und damit Kapital in den Aktienmarkt lotsen und weil sinkende Zinsen für Unternehmen eine Kostenentlastung bedeuten. Anfang der 80er Jahre lag der Zinssatz für 10jährige Staatsanleihen in Deutschland und den USA noch bei rund 10%, inzwischen liegt er unter 5% in Deutschland und bei ca. 4% in den USA. Ein weiterer Rückgang ist zwar möglich, jedoch nicht mehr im selben Ausmass wie in den 20 Jahren zuvor.
•· Eine weitere wichtige Unterstützung war das Wirtschaftswachstum. In Deutschland lag es zwischen 1980 und 2000 im Durchschnitt bei 2,1% p.a. (inflationsbereinigt), in den USA lag es im gesamten Zeitraum bei durchschnittlich 3,0% p.a. (inflationsbereinigt). Wesentliche Wachstumsimpulse kamen vom privaten Verbrauch (in den USA +3,2% p.a.) und von den Unternehmensinvestitionen (USA +4,3% p.a.). Ob diese hohen Werte in der nahen Zukunft angesichts der zurückhaltenden Stimmung bei Verbrauchern und Unternehmen und der hohen Verschuldung von Privathaushalten und Unternehmen in den USA erreichbar sind, ist zu bezweifeln. Ein Nachfrageboom, ausgelöst durch Staatsausgaben, ist ebenfalls eher unwahrscheinlich, wenn man die Verschuldung der öffentlichen Haushalte und speziell in Europa die Vereinbarungen zur Defizitbegrenzung (Maastricht-Vertrag) betrachtet.
• · Sinkende Inflationsraten sind grundsätzlich positiv für die Wirtschaft und den Aktienmarkt, da sie Spielraum für Zinssenkungen ergeben, die sich wiederum positiv auswirken (s.o.). Anfang der 80er Jahre lagen die Inflationsraten in Deutschland noch bei über 5% p.a., heute liegen sie bei etwas über 1% p.a.. Der deutliche Rückgang der Inflation um 4 Prozentpunkte hat sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr positiv auf die Gesamtwirtschaft und den Aktienmarkt ausgewirkt. Ist ein weiterer Rückgang in dieser Größenordnung vorstellbar und wünschenswert? Dies würde eine negative Inflationsrate bedeuten, d.h. Deflation. Möglich ist eine längere deflationäre Phase, wie das Beispiel Japan seit Jahren zeigt. Aber wünschenswert ist es aus Sicht der Kapitalanleger auf keinen Fall. Denn Deflation bewirkt eine Kaufzurückhaltung der Konsumenten, da diese wissen, dass sie die gewünschten Konsumgüter in der Zukunft billiger als heute erwerben können. Dadurch gerät der Konjunkturmotor Konsum vollends ins Stocken mit entsprechend negativen Konsequenzen für die gesamte Volkswirtschaft und die Unternehmen. Als Folge sinken dann auch die Preise für Sachwerte wie Aktien und Immobilien. Dieses Szenario wäre daher aus Sicht eines Kapitalanlegers ausgesprochen gefährlich.
• · Positiv könnte sich, insbesondere in Deutschland, der Abbau der Arbeitslosigkeit auswirken, da er die öffentlichen Haushalte entlastet und den privaten Verbrauch über höhere Einkommen unterstützt. Der Rückgang des Arbeitskräfteangebots durch die Altersstruktur der Gesellschaft dürfte dieses Ziel in den nächsten Jahren unterstützen.
•· Positiv wird sich irgendwann auch das Platzen der Spekulationsblase auswirken, das wir derzeit erleben. Wie wir heute wissen, haben die letzten Jahre viele, z.T. sogar kriminelle Mißstände hervorgebracht, wie z.B. Bilanzfälschungen bei Aktiengesellschaften, Insidergeschäfte zum Nachteil der Privatanleger, gezielte Schönfärberei der Unternehmensperspektiven durch Bankanalysten, die damit zusätzliche Aufträge einwerben wollten usw.. Als Reaktion darauf werden heute die Unternehmensbilanzen, Erfolgsmeldungen und Analystenkommentare sehr viel kritischer hinterfragt als auf dem Höhepunkt der Spekulationsblase und die staatlichen Gremien verschärfen ihre Aufsicht über den Finanzmarkt. Dies wird sich positiv für den Finanzmarkt auswirken, weil es vertrauensfördernd wirkt. Fraglich ist allerdings, wann dieser Effekt eintritt.
•· Schließlich ist natürlich noch die Frage zu betrachten, wie billig oder teuer sind bzw. waren Aktien im Verhältnis zum Unternehmensgewinn? Die Maßzahl hierfür ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), d.h. der aktuelle Börsenkurs einer Aktie wird ins Verhältnis zum Unternehmensgewinn je Aktie gesetzt. Je niedriger das KGV, desto "preisgünstiger" ist die Aktie und umgekehrt. Das durchschnittliche KGV bei europäischen Standardaktien lag Anfang der 80er Jahre unter 10, Anfang 2000 lag es bei über 20 und heute liegt es knapp unter 15 (Quelle: EuroSwitch). Das bedeutet, Aktien sind im Verhältnis zum Unternehmensgewinn in den letzten 2 Jahren bereits erheblich billiger geworden, allerdings noch nicht so günstig wie am Beginn des früheren Aufwärtstrends.

Insgesamt ergibt sich damit ein gemischtes Bild. Es ist nicht zu erwarten, dass wir in naher Zukunft wieder einen mit den 80er und 90er Jahren vergleichbaren Aufwärtstrend bekommen mit einer durchschnittlichen Rendite von 14% p.a. (DAX-Rendite von Anfang 1980 bis Ende 1999). Dazu sind die Startbedingungen heute im Vergleich zu damals zu schlecht. Allerdings gibt es auch positive Merkmale. Eine Marktbereinigung ist im Gang, die den Grundstein für einen erneuen Aufschwung legen sollte. Nicht zuletzt der zurzeit zu beobachtende Rückzug einiger Anleger vom Aktienmarkt wird sich irgendwann positiv auswirken, denn die Erfahrung lehrt, dass diese Anleger, wenn das Vertrauen in den Markt gewachsen ist, auch wieder an den Aktienmarkt zurückkehren.

Weltaktienindex 1919 bis 2002

Die große Frage ist: Wann wird es soweit sein? Angesichts der sehr negativen Erfahrungen, die Anleger in den letzten zwei Jahren mit Aktien gemacht haben, und der nach wie vor bestehenden weltwirtschaftlichen Risiken erwarte ich nicht, dass wir in Kürze auf einen stabilen Aufwärtstrend hoffen können. Vielmehr gehe ich davon aus, dass auf Kursaufschwünge Gewinnmitnahmen, also Kursrückgänge folgen und auf Kursstürze umgekehrt "bottom fishing", d.h. Kurserholungen, folgen. Folglich haben wir eine "Schaukelbörse" zu erwarten mit relativ großen Ausschlägen nach oben und unten.

Fraglich ist, wohin die Schaukelbörse auf Sicht von ein bis zwei Jahren führt, per Saldo nach oben oder nach unten? Hierzu eine Prognose zu wagen, gleicht dem Lesen im Kaffeesatz, deshalb unterlasse ich es. Voraussetzung für eine nachhaltig positive Entwicklung ist allerdings, dass wir zunächst den augenblicklichen Abwärtskanal verlassen.

Was können wir daraus für die persönliche Anlagestrategie ableiten?

1.· Die mittelfristig zu erwartende Rendite auf Kapitalanlagen wird generell nicht mehr den hohen Ansprüchen der 90er Jahre entsprechen. Dies gilt für Aktien, Anleihen, Lebensversicherungen und wohl auch für Immobilien.
2. · Der endgültige Ausstieg aus dem Aktienmarkt ist nicht zu empfehlen. Wie oben beschrieben, haben wir bereits einen Teil der Marktbereinigung hinter uns und kurzfristige Aufwärtsbewegungen mit einem Kursanstieg von 10% bis 30% sind jederzeit möglich.
(z.B. Ende September 2001 bis März 2002: DAX + 42%).
3. · Allerdings ist eine Bodenbildung oder gar ein neuer Aufwärtstrend für den Aktienmarkt derzeit noch nicht erkennbar.
· Eine "buy and hold"-Strategie im Aktienmarkt ist solange risikoreich, bis sich ein neuer Aufwärtstrend abzeichnet. Besser dürfte es sein, zwischenzeitliche Kurserholungen auch kurzfristig mitzunehmen und das Geld zu parken (z.B. in einem Geldmarktfonds), um bei dem dann folgenden Kursrückgang nicht den vorherigen Gewinn wieder zu verlieren. Diese Strategie ist allerdings extrem schwierig, arbeits- und zeitaufwändig und erfordert ein außerordentlich hohes Maß an Disziplin. Darüberhinaus führt sie, erfolgreich praktiziert, zu Spekulationsgewinnen, die versteuert werden müssen, wenn sie von einem Privatanleger selbst verfolgt wird. Aus diesen Gründen dürfte diese aktive Strategie für die meisten Privatanleger nicht praktikabel sein. Nach langem Suchen haben wir endlich einen Fondsmanager gefunden, der diese Strategie erfolgreich betreibt. Auf der Fondsebene fällt übrigens keine Spekulationssteuer an. Wenn Sie weitere Informationen zu seinen Fonds und den Wechselmöglichkeiten aus Ihren bestehenden Fonds wünschen, rufen Sie uns bitte an.
4. · Niemand kann heute sicher vorhersagen, wann der Abwärtstrend am Aktienmarkt endet. Irgendwann werden die Aktienkurse allerdings wieder deutlich höher als heute sein. Sparpläne in Aktienfonds - d.h. die regelmäßige monatliche Einzahlung einer bestimmten Summe, z.B. 100 Euro - haben den besonderen Vorzug, dass bei nachgebenden Kursen weitere, d.h. verbilligte Anteile gekauft werden. Auch bei einer längeren Durststrecke verbilligt der Anleger somit regelmäßig seinen Einstandspreis. Bei Erreichen eines Aufwärtstrends profitiert dann der bereits angesammelte Fondsbestand von dem höheren Kursniveau. Daher eignen sich Aktienfonds-Sparpläne für Anleger mit einer Anlageperspektive von mehreren Jahren derzeit besonders gut. Für diejenigen, die das Risiko begrenzen wollen, empfehlen wir die unter 3. erwähnten flexiblen tradingorientierten Fonds.
5. · Sehr viel Sorgfalt sollte auf die private Finanzplanung, insbesondere auf die Liquiditätsplanung und die Aufteilung des Vermögens auf die verschiedenen Anlageformen wie Aktien, Anleihen, Immobilien etc. gelegt werden. In der derzeitigen unsicheren Wirtschaftsphase empfehlen wir generell eine erhöhte Quote an liquiden Mitteln (z.B. Festgeld, Geldmarktfonds, kurzfristige sichere Festverzinsliche) zu halten, um erstens bei möglichen weiteren Turbulenzen die persönliche Zahlungsfähigkeit gesichert zu haben und zweitens bei einer erkennbaren Bodenbildung im Aktienmarkt günstig einkaufen zu können.
Die Streuung des Vermögens auf verschiedene Anlageformen war immer schon ein Grundprinzip erfolgreicher Kapitalanlage und wird es auch weiter bleiben. Zu bemerken ist allerdings, dass die Streuung mit zunehmender Globalisierung der Finanzmärkte schwieriger wird. Die Verzahnung der europäischen, amerikanischen und asiatischen Aktienmärkte ist enger geworden mit der Folge, dass Streuung allein nach regionalen Kriterien nicht mehr ausreicht. Eine Streuung nach Branchen, Investmentstilen etc. ist daher heute wichtiger als früher. Unsere Empfehlungen hierzu erfahren Sie in einem persönlichen Beratungsgespräch.
6. · Jedes Anlage- und Finanzkonzept muss in regelmäßigen Abständen überprüft und im Hinblick auf persönlichen Verhältnisse des Kapitalanlegers und die jeweiligen Perspektiven im Finanzmarkt immer wieder neu angepasst werden. Dies gilt gerade in so schwierigen Zeiten wie heute. Hierbei stehen wir Ihnen auf Wunsch beratend zur Seite.

Michael Böckhoff, Certified Financial Planner, Geschäftsführer
im September 2002