| Normalerweise
bin ich kein Anhänger der Chartanalyse, d.h. der Ableitung von Trends
aus Grafiken. Wenn aber ein Trend 20 Jahre gehalten hat und dann durchbrochen
wird, ist das ein sehr bemerkenswertes Ereignis, das man nicht ignorieren
kann.
In
den 80er und 90er Jahren wurde die Anlagestrategie des "buy and
hold" populär. Am besten hat wohl der inzwischen verstorbene
Börsenspekulant André Kostolany diese Strategie beschrieben:
"In die Apotheke gehen, Schlaftabletten kaufen, sie einnehmen,
eine Palette erstklassiger internationaler Aktien kaufen, den Wecker auf
vier Jahre einstellen und dann schlafen."
Wer
diesem Rat gefolgt ist und jetzt aufwacht, wird feststellen, dass seine
Aktien sich zwar zwischenzeitlich im Wert fast verdoppelt hatten (im Jahr
2000), aber heute im Durchschnitt wieder beim Einstandskurs stehen oder
sogar in der Verlustzone gelandet sind.
Wichtiger
als der Blick in die Vergangenheit - aber leider auch schwieriger - ist
der Blick in die Zukunft. Wird es in den nächsten Jahren wieder einen
stabilen Aufwärtstrend am Aktienmarkt geben? Welche Argumente sprechen
dafür, welche dagegen? Schauen wir uns die Bedingungen der 80er und
90er Jahre im Vergleich zur heutigen Lage an:
· Eine wichtige
Unterstützung für den Aktienmarkt in den 80er und 90er Jahren
bildete der langfristige Rückgang der Zinssätze. Sinkende Zinsen
sind grundsätzlich gut für den Aktienmarkt, weil Aktien dadurch
im Verhältnis zu Anleihen attraktiver werden und damit Kapital in
den Aktienmarkt lotsen und weil sinkende Zinsen für Unternehmen eine
Kostenentlastung bedeuten. Anfang der 80er Jahre lag der Zinssatz für
10jährige Staatsanleihen in Deutschland und den USA noch bei rund
10%, inzwischen liegt er unter 5% in Deutschland und bei ca. 4% in den
USA. Ein weiterer Rückgang ist zwar möglich, jedoch nicht mehr
im selben Ausmass wie in den 20 Jahren zuvor.
· Eine weitere wichtige Unterstützung war das Wirtschaftswachstum.
In Deutschland lag es zwischen 1980 und 2000 im Durchschnitt bei 2,1%
p.a. (inflationsbereinigt), in den USA lag es im gesamten Zeitraum bei
durchschnittlich 3,0% p.a. (inflationsbereinigt). Wesentliche Wachstumsimpulse
kamen vom privaten Verbrauch (in den USA +3,2% p.a.) und von den Unternehmensinvestitionen
(USA +4,3% p.a.). Ob diese hohen Werte in der nahen Zukunft angesichts
der zurückhaltenden Stimmung bei Verbrauchern und Unternehmen und
der hohen Verschuldung von Privathaushalten und Unternehmen in den USA
erreichbar sind, ist zu bezweifeln. Ein Nachfrageboom, ausgelöst
durch Staatsausgaben, ist ebenfalls eher unwahrscheinlich, wenn man die
Verschuldung der öffentlichen Haushalte und speziell in Europa die
Vereinbarungen zur Defizitbegrenzung (Maastricht-Vertrag) betrachtet.
· Sinkende Inflationsraten sind grundsätzlich positiv
für die Wirtschaft und den Aktienmarkt, da sie Spielraum für
Zinssenkungen ergeben, die sich wiederum positiv auswirken (s.o.). Anfang
der 80er Jahre lagen die Inflationsraten in Deutschland noch bei über
5% p.a., heute liegen sie bei etwas über 1% p.a.. Der deutliche Rückgang
der Inflation um 4 Prozentpunkte hat sich in den vergangenen Jahrzehnten
sehr positiv auf die Gesamtwirtschaft und den Aktienmarkt ausgewirkt.
Ist ein weiterer Rückgang in dieser Größenordnung vorstellbar
und wünschenswert? Dies würde eine negative Inflationsrate bedeuten,
d.h. Deflation. Möglich ist eine längere deflationäre Phase,
wie das Beispiel Japan seit Jahren zeigt. Aber wünschenswert ist
es aus Sicht der Kapitalanleger auf keinen Fall. Denn Deflation bewirkt
eine Kaufzurückhaltung der Konsumenten, da diese wissen, dass sie
die gewünschten Konsumgüter in der Zukunft billiger als heute
erwerben können. Dadurch gerät der Konjunkturmotor Konsum vollends
ins Stocken mit entsprechend negativen Konsequenzen für die gesamte
Volkswirtschaft und die Unternehmen. Als Folge sinken dann auch die Preise
für Sachwerte wie Aktien und Immobilien. Dieses Szenario wäre
daher aus Sicht eines Kapitalanlegers ausgesprochen gefährlich.
· Positiv könnte sich, insbesondere in Deutschland,
der Abbau der Arbeitslosigkeit auswirken, da er die öffentlichen
Haushalte entlastet und den privaten Verbrauch über höhere Einkommen
unterstützt. Der Rückgang des Arbeitskräfteangebots durch
die Altersstruktur der Gesellschaft dürfte dieses Ziel in den nächsten
Jahren unterstützen.
· Positiv wird sich irgendwann auch das Platzen der Spekulationsblase
auswirken, das wir derzeit erleben. Wie wir heute wissen, haben die letzten
Jahre viele, z.T. sogar kriminelle Mißstände hervorgebracht,
wie z.B. Bilanzfälschungen bei Aktiengesellschaften, Insidergeschäfte
zum Nachteil der Privatanleger, gezielte Schönfärberei der Unternehmensperspektiven
durch Bankanalysten, die damit zusätzliche Aufträge einwerben
wollten usw.. Als Reaktion darauf werden heute die Unternehmensbilanzen,
Erfolgsmeldungen und Analystenkommentare sehr viel kritischer hinterfragt
als auf dem Höhepunkt der Spekulationsblase und die staatlichen Gremien
verschärfen ihre Aufsicht über den Finanzmarkt. Dies wird sich
positiv für den Finanzmarkt auswirken, weil es vertrauensfördernd
wirkt. Fraglich ist allerdings, wann dieser Effekt eintritt.
· Schließlich ist natürlich noch die Frage zu
betrachten, wie billig oder teuer sind bzw. waren Aktien im Verhältnis
zum Unternehmensgewinn? Die Maßzahl hierfür ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis
(KGV), d.h. der aktuelle Börsenkurs einer Aktie wird ins Verhältnis
zum Unternehmensgewinn je Aktie gesetzt. Je niedriger das KGV, desto "preisgünstiger"
ist die Aktie und umgekehrt. Das durchschnittliche KGV bei europäischen
Standardaktien lag Anfang der 80er Jahre unter 10, Anfang 2000 lag es
bei über 20 und heute liegt es knapp unter 15 (Quelle: EuroSwitch).
Das bedeutet, Aktien sind im Verhältnis zum Unternehmensgewinn in
den letzten 2 Jahren bereits erheblich billiger geworden, allerdings noch
nicht so günstig wie am Beginn des früheren Aufwärtstrends.
Insgesamt
ergibt sich damit ein gemischtes Bild. Es ist nicht zu erwarten, dass
wir in naher Zukunft wieder einen mit den 80er und 90er Jahren vergleichbaren
Aufwärtstrend bekommen mit einer durchschnittlichen Rendite von 14%
p.a. (DAX-Rendite von Anfang 1980 bis Ende 1999). Dazu sind die Startbedingungen
heute im Vergleich zu damals zu schlecht. Allerdings gibt es auch positive
Merkmale. Eine Marktbereinigung ist im Gang, die den Grundstein für
einen erneuen Aufschwung legen sollte. Nicht zuletzt der zurzeit zu beobachtende
Rückzug einiger Anleger vom Aktienmarkt wird sich irgendwann positiv
auswirken, denn die Erfahrung lehrt, dass diese Anleger, wenn das Vertrauen
in den Markt gewachsen ist, auch wieder an den Aktienmarkt zurückkehren.

Die
große Frage ist: Wann wird es soweit sein? Angesichts der sehr negativen
Erfahrungen, die Anleger in den letzten zwei Jahren mit Aktien gemacht
haben, und der nach wie vor bestehenden weltwirtschaftlichen Risiken erwarte
ich nicht, dass wir in Kürze auf einen stabilen Aufwärtstrend
hoffen können. Vielmehr gehe ich davon aus, dass auf Kursaufschwünge
Gewinnmitnahmen, also Kursrückgänge folgen und auf Kursstürze
umgekehrt "bottom fishing", d.h. Kurserholungen, folgen. Folglich
haben wir eine "Schaukelbörse" zu erwarten mit relativ
großen Ausschlägen nach oben und unten.
Fraglich
ist, wohin die Schaukelbörse auf Sicht von ein bis zwei Jahren führt,
per Saldo nach oben oder nach unten? Hierzu eine Prognose zu wagen, gleicht
dem Lesen im Kaffeesatz, deshalb unterlasse ich es. Voraussetzung für
eine nachhaltig positive Entwicklung ist allerdings, dass wir zunächst
den augenblicklichen Abwärtskanal verlassen.
Was
können wir daraus für die persönliche Anlagestrategie ableiten?
1.· Die mittelfristig
zu erwartende Rendite auf Kapitalanlagen wird generell nicht mehr den
hohen Ansprüchen der 90er Jahre entsprechen. Dies gilt für Aktien,
Anleihen, Lebensversicherungen und wohl auch für Immobilien.
2. · Der endgültige Ausstieg aus dem Aktienmarkt ist
nicht zu empfehlen. Wie oben beschrieben, haben wir bereits einen Teil
der Marktbereinigung hinter uns und kurzfristige Aufwärtsbewegungen
mit einem Kursanstieg von 10% bis 30% sind jederzeit möglich.
(z.B. Ende September 2001 bis März 2002: DAX + 42%).
3. · Allerdings ist eine Bodenbildung oder gar ein neuer
Aufwärtstrend für den Aktienmarkt derzeit noch nicht erkennbar.
· Eine "buy and hold"-Strategie im Aktienmarkt ist solange
risikoreich, bis sich ein neuer Aufwärtstrend abzeichnet. Besser
dürfte es sein, zwischenzeitliche Kurserholungen auch kurzfristig
mitzunehmen und das Geld zu parken (z.B. in einem Geldmarktfonds), um
bei dem dann folgenden Kursrückgang nicht den vorherigen Gewinn wieder
zu verlieren. Diese Strategie ist allerdings extrem schwierig, arbeits-
und zeitaufwändig und erfordert ein außerordentlich hohes Maß
an Disziplin. Darüberhinaus führt sie, erfolgreich praktiziert,
zu Spekulationsgewinnen, die versteuert werden müssen, wenn sie von
einem Privatanleger selbst verfolgt wird. Aus diesen Gründen dürfte
diese aktive Strategie für die meisten Privatanleger nicht praktikabel
sein. Nach langem Suchen haben wir endlich einen Fondsmanager gefunden,
der diese Strategie erfolgreich betreibt. Auf der Fondsebene fällt
übrigens keine Spekulationssteuer an. Wenn Sie weitere Informationen
zu seinen Fonds und den Wechselmöglichkeiten aus Ihren bestehenden
Fonds wünschen, rufen Sie uns bitte an.
4. · Niemand kann heute sicher vorhersagen, wann der Abwärtstrend
am Aktienmarkt endet. Irgendwann werden die Aktienkurse allerdings wieder
deutlich höher als heute sein. Sparpläne in Aktienfonds - d.h.
die regelmäßige monatliche Einzahlung einer bestimmten Summe,
z.B. 100 Euro - haben den besonderen Vorzug, dass bei nachgebenden Kursen
weitere, d.h. verbilligte Anteile gekauft werden. Auch bei einer längeren
Durststrecke verbilligt der Anleger somit regelmäßig seinen
Einstandspreis. Bei Erreichen eines Aufwärtstrends profitiert dann
der bereits angesammelte Fondsbestand von dem höheren Kursniveau.
Daher eignen sich Aktienfonds-Sparpläne für Anleger mit einer
Anlageperspektive von mehreren Jahren derzeit besonders gut. Für
diejenigen, die das Risiko begrenzen wollen, empfehlen wir die unter 3.
erwähnten flexiblen tradingorientierten Fonds.
5. · Sehr viel Sorgfalt sollte auf die private Finanzplanung,
insbesondere auf die Liquiditätsplanung und die Aufteilung des Vermögens
auf die verschiedenen Anlageformen wie Aktien, Anleihen, Immobilien etc.
gelegt werden. In der derzeitigen unsicheren Wirtschaftsphase empfehlen
wir generell eine erhöhte Quote an liquiden Mitteln (z.B. Festgeld,
Geldmarktfonds, kurzfristige sichere Festverzinsliche) zu halten, um erstens
bei möglichen weiteren Turbulenzen die persönliche Zahlungsfähigkeit
gesichert zu haben und zweitens bei einer erkennbaren Bodenbildung im
Aktienmarkt günstig einkaufen zu können.
Die Streuung des Vermögens auf verschiedene Anlageformen war immer
schon ein Grundprinzip erfolgreicher Kapitalanlage und wird es auch weiter
bleiben. Zu bemerken ist allerdings, dass die Streuung mit zunehmender
Globalisierung der Finanzmärkte schwieriger wird. Die Verzahnung
der europäischen, amerikanischen und asiatischen Aktienmärkte
ist enger geworden mit der Folge, dass Streuung allein nach regionalen
Kriterien nicht mehr ausreicht. Eine Streuung nach Branchen, Investmentstilen
etc. ist daher heute wichtiger als früher. Unsere Empfehlungen hierzu
erfahren Sie in einem persönlichen Beratungsgespräch.
6. · Jedes Anlage- und Finanzkonzept muss in regelmäßigen
Abständen überprüft und im Hinblick auf persönlichen
Verhältnisse des Kapitalanlegers und die jeweiligen Perspektiven
im Finanzmarkt immer wieder neu angepasst werden. Dies gilt gerade in
so schwierigen Zeiten wie heute. Hierbei stehen wir Ihnen auf Wunsch beratend
zur Seite.
Michael Böckhoff, Certified
Financial Planner, Geschäftsführer
im September 2002
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